Sex in Wien Teil 2- Ein Sittenbild des 19. Jahrhunderts

Erotographomanie, Spermathanaton, Laktationsamenorrhö. Die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Sexualität förderte gerade im 19. Jahrhundert eine Vielzahl neuer Ansätze und Theorien zu Tage, von denen einige im besten Fall als kurios anzusehen sind. Gleichermaßen erschaffend wie zerstörend wurde die Kraft der Sexualität wahrgenommen, man zelebrierte und bändigte die Begierde, mit teils drastischen Mitteln. Höre im zweiten Teil unserer Reihe "Sex in Wien" mehr über den Umgang der Menschen mit ihrer Sexualität im 19. Jahrhundert, den Freuden und den Leiden.
Die Wirtin und der Franz
Die Wirtin und der Franz

Als Carl Buttenstedt Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge seiner Glückseligkeitslehre auch sein Konzept der Glücksehe präsentierte, sorgte diese Idee für Gesprächsstoff. Im Zuge der Diskussion über natürliche Verhütungsmethoden gewann auch Buttenstedts Ansatz, die Laktationsphase der Frau durch fortgesetzte Stimulation der Brust künstlich zu verlängern, eine gewisse Bedeutung. Allein die praktische Durchführung sorgte für Aufsehen. Nach Buttenstedt sollte der Ehemann durch mehrmaliges Saugen pro Tag an den Brüsten seiner Frau über Monate oder gar Jahre hinweg die Menstruation unterdrücken und eine erneute Schwangerschaft unmöglich machen. Da man Muttermilch als Heilmittel ansah, versprach man sich von dieser Praktik Vorteile auf mehreren Ebenen: neben der natürlichen Verhütung sollte der regelmäßige Genuss von Muttermilch Krankheiten vorbeugen und das Leben verlängern. Buttelstedts Buch wurde nur an verheiratete Paare verkauft, fand jedoch durch die Erstellung von Raubkopien große Verbreitung. Durchgesetzt hat sich die Methode allerdings nicht. Letztendlich blieb die Glücksphilosophie des Flugtechnikers Buttelstedts ein Kuriosum. 

Die Diskussion um eine sichere Art der Verhütung indes ging weiter. Man übte sich im Beobachten des weiblichen Zyklus und griff auf die allseits bekannte Methode des Koitus interruptus zurück, welche im 19. Jahrhundert als durchaus sicher bewertet wurde. Auch das “Edging”, also das Hinauszögern des Höhepunktes, teils über Stunden hinweg, wurde bereits als mögliche Verhütungsmethode im fortlaufenden 19. Jahrhundert gewertet.  

Zunehmend etablierten sich auch mechanische und chemische Methoden, deren Wirksamkeit häufig in keinem Verhältnis zur Schädlichkeit für den weiblichen Körper stand. Chemische Mixturen aus Alaun, Borsäure, Zitronensäure sowie Schwefelverbindungen wurden dabei in den Vaginalbereich eingebracht, um die Spermien abzutöten. Teils kompliziert zu bedienende Apparaturen sollten zudem dabei helfen, Spermien abtötende Substanzen im richtigen Moment (dem Augenblick der Ejakulation) in die Vagina einzubringen oder in Pulverform einzublasen. Auch Wattetampons, kleine Schwämmchen, oder Baumwollgebinde wurden eingesetzt. Hinzu kamen Pessare und Obturatoren (Verschlusskörper aus Gummi) in unterschiedlicher Form. 

Als tatsächlich wirksam und empfehlenswert - auch in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten - wurde zudem das Kondom beworben, die einzige von männlicher Seite anzuwendende Verhütungsmethode.  

Als ähnlich schädlich wie diverse Verhütungsmethoden wurde im 19. Jahrhundert der sog. Autoerotismus wahrgenommen und ganz besonders die damit verbundene Onanie. Sah man bereits im Koitus interruptus eine ernsthafte gesundheitliche Gefahr, so galt die Onanie in so manchem Lehrbuch des 19. Jahrhunderts als die Wurzel allen menschlichen Übels. Bereits im späten 18. Jahrhundert erschienen Artikel, welche die Degeneration ganzer Völker auf Onanie zurückführten. Versuche, Jugendliche mit dem Fixieren der Arme während der Nachtstunden oder dem Einsatz von Keuschheitsgürteln daran zu hindern, nehmen sich ausgesprochen grausam aus.  

Allerdings lassen sich zunehmend auch moderatere Stimmen finden. Die Meinung, dass sich Selbstbefriedigung - solange mäßig betrieben - durchaus zum Abbau von Spannungen und nervlichen Überreizungen eignet, fand Eingang in gängige Lehrbücher der Medizin. Die Utensilien freilich, welche man dazu einsetzte, waren in vergangenen Jahrhunderten durchaus skurril und wurden in diversen Fachbüchern aufgelistet. Neben Gemüsesorten wie Gurken, Karotten, Steckrüben und Runkelrüben kamen auch Gebrauchsgegenstände zum Einsatz: Gläser, Garnrollen, Kerzen, Häkelnadeln, Stricknadeln, Siegelwachs Stäbe, Haarnadeln, Maikäfer und vieles mehr. Ein medizinisches Fachblatt aus dem Jahr 1919 berichtet zudem von der “Haarnadel Onanie”, welche in Deutschland und Österreich derart verbreitet gewesen sei, dass man von Seiten der Chirurgie ein eigenes Instrument entwickelt hätte, um dieses Utensil bei Bedarf fachgerecht aus dem Intimbereich entfernen zu können. Zu erwähnen wären noch all jene Gegenstände und Geräte, die heute unter dem Begriff der Sex Toys firmieren und ihre Ursprünge häufig in früheren Jahrhunderten haben. So fällt die Erfindung des Vibrators beispielsweise auf das Jahr 1883 durch den britischen Arzt Mortimer Granville. Auch wenn sich das Spektrum der möglichen Anwendungen etwas verändert hat. Der vibrierende Stab diente ursprünglich zur Behandlung von Muskelverspannungen bei beiden Geschlechtern. 

Die Erotographomanie (beschreibt ein krankhaftes Suchtverhalten, bei dem Betroffene dem Bedürfnis unterliegen sexuelle und erotische Inhalte in Wort und Bild zu verfassen oder darzustellen), Spermathanaton (Samentod), Laktationsamenorrhö (Verhütungsmethode in den ersten sechs Monaten nach der Geburt, die auf dem Ausbleiben des Eisprungs durch intensives Stillen basiert).  1

Die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Sexualität förderte gerade im 19. Jahrhundert eine Vielzahl neuer Ansätze und Theorien zu Tage, von denen einige im besten Fall als kurios anzusehen sind. Gleichermaßen erschaffend wie zerstörend wurde die Kraft der Sexualität wahrgenommen, man zelebrierte und bändigte die Begierde, mit teils drastischen Mitteln. Höre im zweiten Teil unserer Reihe "Sex in Wien" mehr über den Umgang der Menschen mit ihrer Sexualität im 19. Jahrhundert, ihren Freuden und ihren Leiden.  

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    Bloch Iwan, Das Sexualleben unserer Zeit, Louis Marcus Verlagsbuchhandlung, 1919.