Sex in Wien Teil 1- Die käufliche Liebe

Die Keuschheitskommission, die Grabennymphen, der Schnepfenstrich. Auch in Wien hat die Prostitution im Laufe der Jahrhunderte Spuren hinterlassen. Kein Kaiser und keine Behörde konnte dem illustren Treiben in der habsburgischen Residenzstadt jemals Einhalt gebieten. Doch was noch heute gern humoristisch überzeichnet wird hatte auch seine dunklen Seiten. Gewalt, Krankheit und Kriminalität begleiteten die Wiener Prostituierten über Jahrhunderte hinweg. Erfahre mehr in dieser Folge über die käufliche Liebe im alten Wien, der selbst ein Kaiser nicht widerstehen konnte.
Grabennymphe und Freier
Eine Grabennymphe 

Es mag uns kurios erscheinen, jenes “Taschenbuch für die Wiener Grabennymphen”, das noch in zumindest drei erhaltenen Ausgaben Einblicke in die Prostitution der 1780er Jahre bietet und in locker satirischem Ton all jene Aspekte anspricht, die zur Ausübung des “Gewerbes” in Wien von Wichtigkeit sein könnten. Tatsächlich präsentiert sich die von Joseph Richter erstellte Schrift als Kalender, in welchem nicht nur die Vor- und Nachteile der einzelnen Monate bezüglich einer erfolgreichen Geschäftstätigkeit dargelegt werden. Auch kirchliche Feiertage finden Erwähnung, sowie bekannte Gasthäuser, Schenken und Spelunken. All jene Orte also, die zur geschäftlichen Tätigkeit oder deren Anbahnung geeignet erscheinen. Ein Währungsrechner zum Umrechnen ausländischer Münzen, sowie ein Ratgeber zur Wohnungssuche runden das Werk ab. Nur am Rande entdeckt man kleine Hinweise bezüglich der beruflichen Risiken - vom wachsamen Auge des Gesetzes entdeckt zu werden etwa, oder vom Risiko, seine Nase durch die gefürchtete Syphilis zu verlieren. Letztlich aber lässt sich das “Taschenbuch” als humoristisch angehauchten Ausflug in die Wiener Lokalgeschichte des 18. Jahrhunderts interpretieren. Von dem überaus harten Leben der “Straßenhuren”, den überfüllten Siechhäusern der Infizierten, den drakonischen Strafen und den Abschiebungen erzählt der Ratgeber nichts. 1

Mit der Einführung der ominösen Keuschheitskommission im Jahre 1752 durch Maria Theresia hatten sich die Bedingungen zur Ausübung der Prostitution abermals verschlechtert. Obwohl historisch belastbare Quellen diesbezüglich rar sind, lässt sich die Existenz dieser Einrichtung zumindest nachweisen und als umfangreiches Überwachungssystem begreifen, dessen Ausläufer selbst in die Lebenswelt der Hocharistokratie vorzudrängen. Böse Zungen wollten in der Kommission ein Mittel Maria Theresias erkannt haben, ihren eigenen Ehemann, Kaiser Franz Stephan, zu überwachen. Der berühmte Casanova führte in seinen Memoiren aus, dass ganz Wien dauerhaft observiert wurde, und noch heute findet man als eines der frühen Beispiele politisch zensurierter Kunst die wechselhafte Geschichte des Providentia Brunnens am Neuen Markt in Wien. Dessen Abbau im Jahre 1770 geschah auf Wunsch Maria Theresias, wobei die Behauptung, die von Georg Raphael Donner konzipierten Allegorien seien aufgrund ihrer Nacktheit Opfer der Keuschheitskommission geworden, inzwischen angezweifelt werden darf. Da der Brunnen nicht nur der Zierde diente, sondern auch der Wasserversorgung eines Teils der Wiener Bevölkerung, dürften deutliche Gebrauchsspuren und Schäden den Beschluss zum Abbau ebenfalls beeinflusst haben. Heute befinden sich die aus Blei gefertigten Originalfiguren im Wien Museum. 

Der Keuschheitskommission indes war ebenfalls kein langes Bestehen gegeben, als eigenständige Behörde existierte sie nur bis Mai 1753 und verschwand danach zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Prostitution hingegen blieb ein mit drakonischen Strafen zu belegendes Delikt. Neben öffentlichen Auspeitschungen und Schmähungen wurden den Frauen als deutlich sichtbares Zeichen ihrer Verfehlungen zudem die Köpfe geschoren und sie zum “Gassen kehren” verurteilt. Auch die Internierung in Arbeitshäusern war vorgesehen. Als besonders gefürchtet galten die Temeswarer Wasserschübe, also die Verbannung aus Wien und die Abschiebung ins Banat über die Donau. Von nachhaltigem Erfolg waren alle diese Maßnahmen nicht gekrönt, Kaiser Joseph II. ließ viele Beschlüsse Maria Theresias diesbezüglich wieder aufheben. 

Behördliche Versuche, Prostituierte nach verbüßter Strafe wieder in die Gesellschaft einzugliedern, waren zumeist zum Scheitern verurteilt. Arbeitsstellen für Frauen reduzierten sich im 18. wie auch häufig im 19. Jahrhundert auf das Dienstboten Gewerbe, wobei die Grenzen zwischen dem berühmten Wiener Stubenmädel und der Wiener Grabennymphe oft fließend verliefen. So erschienen zu Beginn des 19. Jahrhunderts gleich mehrere Schriften, die eine Änderung der Trageordnung für Dienstmädchen forderten. Auch wurden bestimmte Frisuren in diesem Zusammenhang verboten, um die guten Geister des Hauses weniger aufreizend erscheinen zu lassen.  

Dass jede Zeit ihre Modeerscheinungen hatte, zeigt sich in diesem Zusammenhang im “Tituskopf”, einer Kurzhaarfrisur für Frauen, die notgedrungen zu Verwechslungen und Missverständnissen führen musste. Waren die Haare nun aufgrund einer modischen Extravaganz so kurz geschnitten, oder aufgrund einer kriminellen Vergangenheit? Der “Tituskopf” darf auch als ein mutiges Statement einer Generation von Frauen gewertet werden, die heute längst vergessen ist.  

Einige Prostituierte jener Tage sind uns durch Schmähschriften oder Kriminalakten hingegen namentlich erhalten geblieben. Neben der Kohlmarktsopherl, der Praterresel, der Casernensopherl und der Casinosopherl wurden wegen besonderer Gemeinheit und Unmoralität die Basteinannerl, die Tiefengrabensopherl, die Linzertonnerl und die Dukatenwaberl genannt. In manchen Fällen, wie bei Henriette Rothmann, dürfte das Gewerbe dermaßen einträglich gewesen sein, dass sie zur Kupplerin aufstieg und ihre Geschäfte auch in höheren Gesellschaftsschichten auszurichten verstand. 

Wie der eingangs erwähnte Begriff “Grabennymphe” andeutet, erstreckte sich der bevorzugte Arbeitsbereich Prostituierter in Wien auf den Graben, den anschließenden Kohlmarkt aber auch die Naglergasse. Schon aus praktischen Gründen wurden auch Gotteshäuser im Einzugsgebiet dieser Straßen von Sexarbeiterinnen jener Jahre gerne frequentiert, unter anderem der Stephansdom und ganz besonders die Michaelerkirche. Kirchen boten im Zuge der liturgischen Handlungen häufig lange Öffnungszeiten, was nicht zuletzt in der kalten Jahreszeit Vorteile versprach. Die zudem nur spärlich vorhandene Beleuchtung ließ Gotteshäuser zu idealen Arbeitsorten für Sexarbeiterinnen werden. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden im Stephansdom zeitweise Polizeiwachen aufgestellt, um entsprechende Missstände zu verhindern. Um dem Zugriff neugieriger Behörden zu entgehen, stiegen findige Prostituierte auch auf rollende Bordelle um, Kutschen, deren Routen durch wenig frequentierten Stadtteile führten, gelenkt von Kutschern, die von den Sexarbeiterinnen finanziell beteiligt wurden. Diese “Porzellanfuhren” erfreuten sich in Wien bald großer Beliebtheit.  

Neben moralisch - religiösen Ambitionen spielte vor allem die gefürchtete Syphilis eine tragende Rolle bei allen Versuchen der käuflichen Liebe einen Riegel vorzuschieben. Schon zu Zeiten Kaiser Joseph II. lassen sich kaiserliche Handschreiben zu diesem Thema finden, Hofkanzleidekrete von 1793, 1800 und 1807 belegen die Problematik in der Regierungszeit Kaisers Franz II./I.

Einen gewissen Einfluss mag die Einführung der Straßenbeleuchtung unter Kaiser Ferdinand I.  in Wien im Jahre 1845 gebracht haben, wodurch die Prostitution im öffentlichen Raum teilweise zurückgedrängt werden konnte.  

Letztlich aber blieb die Prostitution bestehen und wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts innerhalb gewisser Grenzen und unter gewissen Auflagen legalisiert, ohne die Ausgrenzung und Kriminalisierung durch die Mehrheitsgesellschaft abstreifen zu können. Bis zur Einführung der Antibiotika sollte sich auch das Problem der Geschlechtskrankheiten nicht nachhaltig lösen lassen. 2

 

  • 1

    Joseph Richter, Taschenbuch für Grabennymphen auf das Jahr 1787. 

  • 2

    Dr. Josef Schrank, Die Geschichte der Prostitution in Wien, Band 1, Wien, 1886.