
Als in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs noch mehrere Bomben auf Schönbrunn niedergingen und auch das Hauptgebäude Schäden davontrug, betrachtete man diese Angriffe von Seiten der Presse als persönlichen Affront gegen Österreich. Der Umstand, dass im Deckenfresko der Großen Galerie gerade jener Teil mit dem Titel “Die Militärmacht Österreich” durch alliierte Bomben zerstört wurde, galt und gilt bis heute als Ironie der Geschichte. Die gröbsten Schäden wurden allerdings noch im Jahr 1945 beseitigt, durch österreichische und britische Kräfte, die Hand in Hand zusammenarbeiten. In Ermangelung anderer Möglichkeiten erwählte die britische Besatzungsmacht Schönbrunn als vorläufiges Hauptquartier, man bemühte sich jedoch mit der historischen Bausubstanz sorgfältig umzugehen und Schäden zu vermeiden. Zudem inszenierte die britische Armee im Areal des Schlosses diverse Festlichkeiten und Shows, nicht zuletzt für die Kinder Wiens. Schloss Schönbrunn hatte in den ersten Tagen nach dem 2. Weltkrieg eine neue Bestimmung gefunden - und es sollte nicht die letzte sein.
Die Idee, die ehemalige Residenz der Habsburger Kindern in besonderer Weise zugänglich zu machen hatte es bereits nach dem 1. Weltkrieg gegeben. Die Wandlung des österreichischen Kaiserreichs in die 1. Republik war eine drastische gewesen, ein Selbstfindungsprozess, durchwachsen von Symbolpolitik. So war auch die Umwandlung einiger Bereiche des Hauotgebäudes (vor allem im 3. Stock) des Schlosses in ein Kinderheim ein Akt von großer symbolischer Wirkung gewesen. Die ehemalige Kaiserresidenz nun als Hort der vom Kriege traumatisierten Kinder. Auch eine Erzieherbildungsanstalt wurde eingerichtet, nach den modernsten Standards der Zeit. Nicht zuletzt ermöglichte man eine Besichtigung der Prunkräume um Geld für Kriegsinvalide zu sammeln. Von Dauer sollten all diese Bestrebungen nicht sein. Die politischen Wirrnisse gingen auch an dem prestigeträchtigen Bau der Habsburger nicht vorbei, finanzielle Rückschläge und ideologische Umwälzungen führten auch in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg zu einer Vernachlässigung des umfangreichen Komplexes.
Erst sukzessive, mit dem verstärkten Aufkommen des Städtetourismus, dem zunehmenden Interesse an der Geschichte Habsburgs und nicht zuletzt durch das Erstarken des Mythos rund um Kaiserin Elisabeth, geriet Schloss Schönbrunn verstärkt in den Focus des auch internationalen Tourismus. Kaiserin Elisabeths Räume im Ostflügel sind wie jene ihres kaiserlichen Gatten erhalten geblieben und Teil der angebotenen Besichtigungstour. Erwähnenswert ist das gemeinsame Schlafzimmer Kaiser Franz Josephs und Kaiserin Elisabeths, welches mitnichten dem persönlichen Geschmack Sisis entsprochen haben dürfte. Um Elisabeths Bedürfnissen in Bezug auf die Wohnkultur im Schloss Schönbrunn zu entsprechen, wurde eine extra Treppe ins Parterre eingebaut und auf diese Weise ein separater Ausgang in den privaten Teil des Gartens ermöglicht.
Erwähnenswert bei heutiger Betrachtung des imposanten Bauwerks erscheint in jedem Fall die Farbgebung, das sogenannte “Schönbrunnergelb”, welches in Wien eine Vielzahl von Abwandlungen und Nachahmungen kennt und nach wie vor so manchen mehr oder weniger imposanten Bau der Stadt schmückt. Etwas weniger bekannt ist hingegen der Umstand, dass Schloss Schönbrunn im Laufe der Jahrhunderte in durchaus unterschiedlichen Farben erstrahlte, von orange und rot, über diverse Ockerfarben bis hin zu grau und weiß. Die heutige Farbgebung dürfte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt haben und wurde unter Kaiser Franz Joseph, der vor allem die letzten Jahre seines Lebens dort zu brachte, nicht mehr wesentlich verändert.
Heute bietet das Areal eine Mischung aus kunstgeschichtlicher Vielfalt, Geschichte und Entertainment. Schönbrunn ist zweifellos ein Wahrzeichen Wiens, spiegelt in seiner Gesamtheit aber auch den langen Werdegang dieser Stadt mit seinen Höhen und Tiefen wieder.1
Iby Elfriede, Mader-Kratky Anna, Schönbrunn. Die kaiserliche Sommerresidenz, Kral Verlag, 2025.