Radium im alten Österreich- Vom Wundermittel zur Waffe

Denkt man an die österreichische Monarchie, an Habsburg und Kaiser Franz Joseph, so kommt einem der Begriff einer nuklearen Großmacht nicht unbedingt in den Sinn. Und doch erreichte das alte Österreich schon sehr früh eine Vormachtstellung in der Produktion, dem Handel und der Erforschung von Radium und Uran. Neben der zivilen Nutzung erreichte Radium im 1. Weltkrieg erstmals auch militärische Bedeutung. Höre in dieser Folge mehr über die ersten Jahrzehnte des "Wundermittels" Radium, seine Anwendungsgebiete und seine verheerende Wirkung auf eine unwissende Gesellschaft.

Sollte Ihnen der Begriff des “Joachimsthaler Guldengroschen” etwas zu sperrig für den täglichen Sprachgebrauch erscheinen, so stehen Sie mit dieser Ansicht vermutlich nicht allein da. Schon in der frühen Neuzeit dürfte man den Namen dieser Währung abgekürzt haben, man sprach vom “Joachimsthaler”, oder schlicht vom “Thaler”. Und während St. Joachimsthal als Ort der Silbergewinnung irgendwann an Bedeutung zu verlieren begann, zeigte der Thaler als Währung und Begriff eine erstaunliche Beständigkeit. So sehr, dass jeder, der heute noch mit Dollar bezahlt, sich zumindest semantisch einer Verballhornung des Wortes “Thaler” bedient.

St. Joachimsthal, eine Bergwerksstadt, deren Wurzeln in die frühe Neuzeit zurückreichen, erlebte Zeiten des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs ebenso wie den von Korruption und Gier begleiteten Niedergang. Als die Silberminen schließlich zu erschöpfen drohten, verlegte man sich auf den Abbau von Arsenit und anderer Mineralien, eine 

geröntgte Hand von Kaiser Franz Joseph
Die geröntgte Hand von Kaiser Franz Joseph

Bergbauschule, gegründet unter Kaiser Karl VI., verhinderte die vollständige Stilllegung des Traditionsbetriebs.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts rückte ein neues Element in den wirtschaftlichen Fokus, auch wenn Uran sich zunächst nur als Färbemittel für Glas- und Keramikprodukte zu eignen schien. Uranoxide zeigten hervorragende Eigenschaften in Zusammenhang mit dem Brennvorgang diverser Keramiken und findige Glashersteller entwickelten schon bald speziell mit Uranfarben behandelte Gläser, deren Farbtöne sich bis weit in die Tage des Jugendstils großer Beliebtheit erfreuen sollten. Dass derartige Vasen, Schreibtischgarnituren oder Trinkgefäße radioaktive Strahlung abgaben (und dies noch immer tun) war Mitte des 19. Jahrhunderts noch unbekannt. Objekte aus Uran Glas, welche zuweilen noch heute in Museen zu bewundern sind, strahlen in aller Regel allerdings zu schwach, um für den Betrachter eine Gefahr darzustellen. Eine Empfehlung für den täglichen Gebrauch, beispielsweise in Bezug auf Trinkgläser oder Karaffen, kann trotzdem nicht ausgesprochen werden.

Mit der Entdeckung der Radioaktivität im Jahre 1896 trat das Radium seinen Siegeszug an und dies zunächst im kaiserlichen Österreich. St. Joachimsthal im böhmischen Erzgebirge erlebte als reichhaltige Abbaustätte von Radium eine wahre Renaissance und das geheimnisvolle Element selbst avancierte aufgrund seiner seltsamen Eigenschaften rasch zu einem wahren Wundermittel. Zunächst konnte man in abgedunkelten Räumen eine schwache, grünliche Lumineszenz wahrnehmen, außerdem schien dieser Stoff moderat Wärme abzugeben. Von besonderer Bedeutung war, dass Radium diese Eigenschaften scheinbar ohne Energieverlust dauerhaft aufwies, daher glaubte man, sich auf der Spur des berühmten Perpetuum Mobile zu befinden. Von besonderer Bedeutung schienen die Eigenschaften allerdings für die menschliche Gesundheit zu sein. Radioaktives Wasser, welches man in den Stollen der Minen gewinnen konnte, versprachen plötzlich Linderung oder gar Heilung unterschiedlichster Gebrechen. Neben Gicht, dem gefürchteten Rheuma und diversen Neuralgien verbreitete sich rasch das Gerücht, Radium könne Krebs heilen. Noch heute lassen sich Bittbriefe an Kaiser Franz Joseph einsehen, in welchen Menschen aus den unteren sozialen Schichten um kleine Mengen an Uran Gestein oder Radium baten, um schwere Erkrankungen selbst zu behandeln. Da die begehrten radioaktiv strahlenden Elemente allerdings schon zu Kaiser Franz Josephs Zeiten sehr teuer gehandelt wurden, blieben derartige Gesuche in aller Regel unbeantwortet. Wer es sich leisten konnte, der besuchte hingegen eines der neuen, mondän eingerichteten Kurbäder rund um St. Joachimsthal, oder kaufte die in vielfältiger Weise vertriebenen, mit Radium versetzten Produkte. Radium Zahnpasta, Radium Seife, Radium Unterwäsche und auch Radium Kosmetik tauchten auf. Spezielle Radium Wässer für Trinkkuren wurden entwickelt und Radium Zäpfchen für beide Geschlechter kamen auf den Markt. Da man Radium für vitalisierend und verjüngend hielt, ließ auch der Verkauf von Radium Kondomen nicht lange auf sich warten.

Das böse Erwachen indes kam rasch. Schon Pierre Curie, der zusammen mit seiner Frau Marie als Pionier der Radioaktivität gilt, war sich der Gefährlichkeit des Phänomens bewusst. Selbstversuche hatten rasch gezeigt, dass diese Strahlen zu Verletzungen und schlecht heilenden Wunden am eigenen Körper führen konnten. Der überaus sorglose Umgang mit radioaktiv strahlendem Material in den ersten Jahrzehnten seiner Nutzung führte in so manchem Fall zu katastrophalen gesundheitlichen Folgen.

Mit dem ersten Weltkrieg verlor Österreich seine Vormachtstellung in Bezug auf den Abbau von Radium. Als Waffe wurden strahlende Elemente wie Radium und Uran während des Krieges noch nicht eingesetzt, Experimente im Bereich der Militärtechnik jedoch sehr wohl bereits durchgeführt. Nicht alle Ansätze diesbezüglich sind heute einsehbar und transparent, man darf allerdings davon ausgehen, dass Radium aufgrund seiner Eigenschaften vor allem als Leuchtmittel Verwendung fand. Aus unvollständigen Berichten ist zumindest bekannt, dass Kaiser Franz Joseph über derartige Experimente informiert wurde.1

 

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    Der strahlende Doppeladler, Nukleares aus Österreich-Ungarn, Braunbeck Joseph, Leykam Buchverlagsgesellschaft, 1996.