
Kleider machen Leute. Kleider machen allerdings auch Unterschiede, lassen ihre Träger einer bestimmten Gruppe oder Klasse zugehörig erscheinen, weisen Menschen als finanziell potent und gesellschaftlich erfolgreich aus – werden nicht selten als Symbole des eigenen Status eingesetzt. Das war auch in vergangenen Jahrhunderten nicht anders.
In besonderer Weise definierten Kleider zudem den Unterschied der Geschlechter. Nicht nur optisch, sondern auch in Bezug auf Rang und Funktion. Tatsächlich darf Mode in der Vergangenheit als Faktor für die gesellschaftliche Stellung der Frau betrachtet werden, für ihre Aufgaben und die ihr zugeschriebenen Fähigkeiten. Große, voluminöse Kleider, aus mehreren Stoffschichten bestehend, durch diverse Unterröcke gestützt, machten es Frauen unmöglich bestimmte gesellschaftliche Konventionen zu überwinden. Diverse Sportarten beispielsweise blieben schon aufgrund der vorgeschrieben Mode Männern vorenthalten. Das von Beginn an als Breitensport zu betrachtende Fahrradfahren mag hier als anschauliches Beispiel dienen.
Schnell setzte sich das Rad um die vorletzte Jahrhundertwende auch in Wien durch, eroberte das Bürgertum und war aus dem Straßenbild der Kaiserstadt bald kaum noch wegzudenken. Während sich für den Herren rasch eine eigene Fahrradmode entwickelte, die mit langen Stutzen, Flanelljacken und kurzen Hosen eher dem Bergsteiger-Outfit ähnlich sahen, blieben Damen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Mit langen, voluminösen Röcken das neuartige Fortbewegungsmittel zu bedienen, erschien wenig erfolgversprechend und in so manchem Fall gefährlich. Hosen für Damen allerdings – ein Reizthema in der langen Geschichte der Mode – setzten sich nur zögerlich durch. Zunehmend allerdings wurden die Damen erfinderisch, konzipierten neue Kleidungsstile, dezent oder gar versteckt. Um das Rad nutzen zu können trug man in so manchen Fall die Hose einfach unsichtbar und heimlich unter einem Rock. Oder – wie im Falle der berühmten Kaiserin Elisabeth von Österreich – man zog für den Reitsport überhaupt Hosen an, wenn man ungesehen von der Öffentlichkeit in privaten Parks und Anlagen ausritt.1
Das Aufkommen der berühmten Krinolinen Mode wird in aller Regel Kaiserin Eugenie zugeschrieben, die durch sehr voluminöse Kleider ihre Schwangerschaft möglichst lange zu verbergen suchte. Auch im Hause Habsburg setzten sich die tonnenförmig geschnittenen Kleider mit ihren beeindruckenden Dimensionen rasch durch, wie man auf fotografischen Aufnahmen noch heute sehen kann. Ein Familienbild mit Kaiserin Elisabeth und Erzherzogin Sophie im Vordergrund sitzend und Kaiser Franz Joseph sowie seinen Brüdern und seinem Vater, zeigen die Krinolinen Mode der Damen in beeindruckender Weise. Beide Damen sitzen übrigens leicht schräg auf dem Sofa, eine Folge der Federstahlkonstruktion der Krinoline. Sich elegant niederzulassen und das Kleid auch noch hübsch für ein Bild zu drapieren wollte gelernt sein und stellet Fotografen vor Herausforderungen. 2
In den 1860er Jahren erreichte die Krinolinen Mode ihren Höhepunkt, wobei dieses modische Schreckgespenst sich durchaus unterschiedlich lange in den Staaten Europas hielt. Während der Trend in Paris schon nach wenigen Jahren wieder abflaute, erreichten die Krinolinen gerade in Wien zu jener Zeit gigantische Ausmaße. Die Röcke nahmen teilweise einen Umfang von bis zu sechs Metern auf dem Boden an, manche Quellen sprechen auch von acht bis zehn Metern Saumumfang. Um diese riesigen Flächen zu füllen, wurden edle Materialien wie Seide, Tüll und Taft in unzähligen Volants, Schleifen und Spitzen gerafft. Wer eine große Krinoline trug, demonstrierte Wohlstand: Sie signalisierte unmissverständlich, dass die Trägerin es nicht nötig hatte, körperliche Arbeit zu verrichten, und hielt die Männerwelt buchstäblich auf mechanische Distanz. 3
Trotz der Perfektion im Schnitt brachte die Krinoline große Einschränkungen und vor allem lebensgefährliche Risiken mit sich. Zeitgenössische Medien prägten für den kollektiven Modewahn den Begriff „Krinolinemanie“ Das Passieren von engen Türen, das Einsteigen in Kutschen oder das Sitzen auf einem Sofa wurden zu einer logistischen Meisterleistung. Bei starkem Wind wirkte der Rock wie ein Segel, was Frauen regelrecht das Gleichgewicht verlieren ließ. Setzte sich eine Frau unvorsichtig hin, klappte die starre Stahlkonstruktion auf der Vorderseite nach oben und gab die Unterwäsche frei. Zudem entpuppte sich der ausladende Unterbau selbst in großen Tanzsälen zum Ärgernis, da die voluminösen Kleider bei schnellen Tänzen wie dem Walzer überaus unpraktisch wirkten und in so manchem Fall durch das Federstahlgerüst zu Hautabschürfungen und Kratzwunden führten.
Die weitaus größte und realste Gefahr war jedoch die extreme Entflammbarkeit. Der gigantische Radius des Rockes entzog sich der ständigen Sicht der Frau. Es reichte ein unachtsamer Moment in der Nähe eines offenen Kamins, einer Gaslampe oder einer weggeworfenen Zigarre, und der Saum fing Feuer. Durch die hohle Käfigkonstruktion unter dem Rock entstand bei einem Brand ein verheerender Kamineffekt. Der Sauerstoff wurde von unten angesaugt, was die Flammen in Sekundenschnelle nach oben schießen ließ. Da die Krinolinen durch komplizierte Schnallen und Taillenbänder fest mit dem Körper verbunden waren, konnten die Frauen das brennende Gerüst im Ernstfall nicht schnell genug abstreifen.
Schätzungen von Historikern gehen davon aus, dass in den 1850er und 1860er Jahren weltweit mehrere Tausend Frauen in ihren Krinolinen verbrannten. Allein in England starben in manchen Jahren Hunderte Frauen den qualvollen Feuertod. Zu den prominentesten Opfern zählten die zwei Halbschwestern des Schriftstellers Oscar Wilde, die bei einem Ball Feuer fingen, sowie die junge Erzherzogin Mathilde von Österreich im Jahr 1867, die eine brennende Zigarette vor ihrem Vater verstecken wollte, woraufhin ihr Kleid sofort in Flammen aufging.
Gegen Ende der 1860er Jahre hatte sich die Gesellschaft an der monumentalen Weite sattgesehen. Die Krinoline verformte sich zunächst, indem das Volumen nach hinten verlagert wurde (die sogenannte Halbkrinoline oder Crinolette), bevor sie schließlich ganz von der Tournüre (dem „Cul de Paris“) abgelöst wurde. Was blieb, war die Erinnerung an eine Epoche, in der Frauen für die Schönheit und den industriell gefertigten Status bereit waren, sprichwörtlich mit ihrem Leben zu spielen. 4
War die „Krinolinomanie“ auf Kaiserin Eugenie zurückzuführen, so dienten andere Hocharistokratinnen und Hocharistokraten ebenfalls als „Testimonials“ und Trendsetter. Heute nur noch selten erwähnt war in den jungen Jahren Kaiserin Elisabeths der nach ihr benannte, weiße Mantel ein Verkaufsschlager in Wien, ebenso wie der „Gisela Gürtel“ oder die „Marie Valerie Handschuhe“. Neben den Töchtern Elisabeths diente aber auch Kronprinz Rudolf mit dem gleichnamigen Jackett als Trendsetter. Bei diesem Kleidungsstück, welches tatsächlich aus Jacke und Hose aus demselben Stoff und derselben Farbe bestand, darf man von einem direkten Vorgänger des heutigen Herrenanzugs sprechen. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wurden Jacke und Hose unterschiedlich kombiniert, ein in Farbe und Stoff gleichförmiges Outfit, wie man es heute von Herrenanzügen durchaus noch kennt, war zuvor nicht Usus. Ob der Kronprinz dieses Ensemble tatsächlich selbst getragen hat, ist übrigens unklar. Sein Name blieb mit der neuartigen Herrenmode jedenfalls geraume Zeit verbunden.