
Das Verhältnis Kaiserin Elisabeths zum männlichen Geschlecht war und ist Gegenstand unterschiedlicher Spekulationen. Besonders in Bezug auf bestimmte Persönlichkeiten rund um den Wiener Hof und das imperiale Leben wollen Gerüchte um diverse Affären der Kaiserin von Österreich bis heute nicht verstummen. In so manchem Fall überzeichnen neuere Produktionen derartige Spekulationen (im Falle des späteren Ministerpräsidenten Ungarns, Gyula Andrassy zum Beispiel) zusätzlich, oder bringen überhaupt neue Interpretationen ins Spiel (siehe den Spielfilm Sisi & Ich).
Kaiserin Elisabeths Liebesleben außerhalb der ehelichen Gemeinschaft bleibt letztlich auf Annahmen und historisch nicht zu belegende Behauptungen begrenzt. Und die gerne gestellte Frage, ob Sisi Affären hatte, damit unbeantwortet. Allerdings verfasste Kaiserin Elisabeth im Zuge ihrer poetischen Ambitionen ein Gedicht, welches sich der Frage nach bedeutenden Männern in ihrem Leben annimmt - und dies in durchaus direkter Form.
Es ist historisch gut belegbar, dass Elisabeth Verehrer hatte und sich so mancher Untergebene in die “Engels-Sisi”, wie Kaiser Franz Joseph seine Frau auch zu nennen pflegte, Hals über Kopf verliebte. Während Constantin Christomanos, der Griechischlehrer Kaiserin Elisabeths, sich im Wesentlichen damit begnügte seine Gefühle in überaus blumige Worte zu verpacken, erbat sich John Collett von der in Bad Kissingen weilenden Kaiserin gleich eine ganze Haarsträhne (die er naturgemäß nicht bekam). Gesondert zu erwähnen wäre zudem die Rolle Alfred Gurniaks, der es in den 1890er Jahren tatsächlich schaffte, Sisis Aufmerksamkeit zu erringen und einen eigenwilligen Briefwechsel mit ihr führte. Gurniaks ungewöhnliches Vorgehen wurde samt seinen schriftlichen Hinterlassenschaften in Folge 21 der Porzellanfuhre eingehend porträtiert.
Tatsächlich gibt Elisabeth in ihrem Gedicht “Das Kabinet” in Anlehnung an das berühmte Märchen vom Ritter Blaubart selbst Einblicke in ihre Beziehungen zu gleich fünf Männern, die Spuren im Leben der berühmten Kaiserin hinterlassen haben. Sie schlüpft dabei in die Rolle des im Grunde grausamen Ritters, welcher dem Märchen entsprechend seine Ehefrauen stets ermordet und ihre Leichen in einer dunklen Kammer vor der Welt verbirgt. Dieses Schicksal ereilte Kaiser Franz Joseph in umgekehrter Rollenverteilung bekanntlich nicht, doch lässt sein Auftritt in dem Gedicht darauf schließen, dass Elisabeth innerlich mit der Beziehung zu ihm abgeschlossen hatte, oder diese zumindest abschließen wollte. Sie zeichnet dabei ein durchaus divergentes Bild von ihrem kaiserlichen Ehegatten, lässt ihn als dickköpfig und charakterlich schwierig erscheinen, bezeichnet ihn abschließend jedoch als “lieben Schatz” und räumt ihm einen “Ehrenplatz” in der dunklen Kammer längst vergangener Zeiten ein. 1
Als ausgesprochen “hübsch” wird hingegen Graf Imre Hunyady von Elisabeth beschrieben, der sie auf einer Reise nach Madeira zusammen mit anderen Mitgliedern des Wiener Hofes zu begleiten hatte. Kaiserin Elisabeth, der man Ende der 1850er Jahre ein schweres Lungenleiden attestiert hatte, trat diese viele Monate dauernde Reise offiziell aus medizinischen Gründen auf Empfehlung der Hofärzte an.
Neben Imre Hunyady waren unter anderem auch dessen Schwester Karoline als Hofdame Elisabeths anwesend, sowie Prinzessin Windischgrätz und Fürstin Helene Taxis. Aus dieser Zeit hat sich eine bekannt gewordene Fotografie Elisabeths, umringt von den oben genannten Damen, erhalten, in welcher sie eine Mandoline spielend gut zu erkennen ist. Ob dieses Bild tatsächlich als Grund schwerer Verstimmungen am Wiener Hof angenommen werden darf, wie gerne noch heute behauptet wird, ist zu bezweifeln. Aus einem erhalten gebliebenen Brief Erzherzogin Sophies, in welchem Elisabeths Schwiegermutter Bezug auf das Foto nimmt, ist eine negative Reaktion nicht herauszulesen.
Imre Hunyady begleitete Elisabeth in seiner Funktion als Oberstallmeister, dürfte vielleicht auch als Gesellschafter fungiert haben und eventuell als Konversationspartner beim Erlernen der ungarischen Sprache dienlich gewesen sein. Die Behauptung, dass Hunyady aufgrund besonderer emotionaler Nähe zur Kaiserin Madeira frühzeitig verlassen musste, ist indes falsch. Auch Hunyady verbrachte die gesamte, dafür vorgesehene Zeit offiziell an der Seite der Kaiserin auf Madeira, was gegen einen Skandal spricht. Noch viele Jahrzehnte später wurde in Presseberichten die Geschichte konstruiert, der Graf habe Elisabeth seine Liebe in glühenden Worten gestanden. Zu beweisen ist dies alles nicht. Brigitte Hamann (Hrsg.) 2
Ausgesprochen positiv lässt Kaiserin Elisabeth Graf Gyula Andrassy erscheinen, den sie als loyalen, verlässlichen Freund schildert. Andrassy, der nach wie vor gerne als geheimer Liebhaber Kaiserin Elisabeths angesehen wird, tritt in diesem Gedicht tatsächlich nur relativ kurz in Erscheinung. Besonders der Satz:
“Gedenkend jener Zeit, die wir so innig und vertraut verkoseten, zu zweit”, gibt bis heute Anlass zu Spekulationen über die wahre Natur dieser Beziehung.
Neben William George Middleton, der unter dem Namen Bay in der einschlägigen Literatur allgemein bekannt ist und in kurzen Worten ebenfalls Eingang in dieses Gedicht fand, ist weiters Friedrich Pacher von Theinburg zu erwähnen. Als einzige eindeutig negativ belegte Figur schildert ihn Kaiserin Elisabeth als kahl und schiech, als gemeines Biest. Hintergrund dieser starken Abneigung dürfte Friedrich Pachers Unwillen gewesen sein, einen ebenso langwierigen wie langwährenden Briefwechsel mit der Kaiserin weiterführen zu wollen, welchen sie, unter dem Synonym Gabriele, knapp zehn Jahre zuvor begonnen hatte. Pachers Begegnung mit Elisabeth ging als die bekannt gewordene Domino-Affâre von 1874 in die Geschichte ein und beschreibt die eigenwillige Angewohnheit Elisabeths, mittels verklausulierter Botschaften und falscher Absender besonders mysteriös aufzutreten. Man darf davon ausgehen, dass Friedrich Pachers die wahre Identität der Brieffreundin allerdings sehr rasch gelüftet hatte und nach einem Jahrzehnt schlicht das Interesse an der exklusiven Korrespondenz verlor. Elisabeth jedenfalls dürfte durch Pachers zunehmendes Desinteresse schwer gekränkt worden sein. 3