Johann Breitwieser- Der Robin Hood von Meidling

Johann "Schani" Breitwieser wuchs im 19. Jahrhundert unter schwierigen sozialen Bedingungen auf. Armut, fehlende Perspektiven und wiederholte Konflikte mit den Behörden prägten sein Leben früh. Aus kleinen Diebstählen entwickelte sich ein dauerhaftes Leben außerhalb der geltenden Ordnung – eines, das ihn immer tiefer in das Justizsystem seiner Zeit führte. Diese Folge zeichnet Breitwiesers Weg nach: von seinen ersten Delikten über Verhaftungen, Prozesse und Haftstrafen bis zu seinem Urteil. Dabei geht es nicht nur um einen einzelnen Kriminalfall, sondern um die sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen des 19. Jahrhunderts, in denen Armut oft kriminalisiert wurde und Auswege kaum vorgesehen waren. Eine Episode über ein Leben am Rand der Gesellschaft, über Rechtsprechung und Öffentlichkeit – und über die Frage, wie eng die Spielräume für Menschen wie Johann Breitwieser tatsächlich waren.
Johann Breitwieser
Johann Breitwieser © ÖNB

“Die Verfolger haben Angst vor dem Verfolgten”, schrieb Egon Erwin Kisch einleitend in seinem Bericht über das Ende des berühmten Einbrecherkönigs Johann Breitwieser, der Wien über mehrere Jahre in Atem gehalten hatte. Der “rasende Reporter”, wie man Kisch aufgrund seiner Arbeitsweise gern zu nennen pflegte, fungierte an jenem 1. April 1919 als Augenzeuge.

Er beschrieb die letzten Momente Breitwiesers minutiös.

Nach einer längeren Observation des Hauses Riegerstrasse Nr. 5 und der angrenzenden Gebäude tauchte der wohl meistgesuchte Mann Wiens tatsächlich im Innenhof des Anwesens auf und hantierte an seinem Fahrrad, welches an den Hausbrunnen angelehnt war.

“Hände hoch”, rief die Polizei.

“Ohne Rock, ohne Hosenträger ist er, aber nicht eine Sekunde denkt er an Übergabe, jagt davon, mit einem Sprung ist er über den mannshohen Zaun, die Wirtschafterin der Nachbarsleute, die Wäsche aufhängt, rennt er über den Haufen, will durch das Nachbarhaus auf die Straße, auch hier die Kiwerer, Revolverschüsse krachen, der Verfolgte fürchtet die Verfolger nicht, er reißt seinen Browning aus der Hosentasche, taumelt getroffen; einen Blutstrom verspritzend springt er in den Schuppen von Nummer 7 und schießt von dort. Von allen Seiten feuert man in die Holzwand, Polizeihund “Ferro” jagt in die Hütte, wirft sein Opfer zu Boden, nun wagen sich auch die Verfolger mit erhobener Waffe hinein. Breitwieser streckt die Hände aus: “Net schießen, i tu eh nix mehr!””1

Noch während der Zugfahrt nach St. Andrä/Wördern hatten die Beamten Kisch von der Gefährlichkeit Breitwiesers unterrichtet. “Schießen tut er gleich”, bestätigte man. Zwei der Polizisten zeigten dem Reporter ihre Narben aus früheren Begegnungen mit dem Einbrecher. “Bevor i hin bin müssen no a paar Kiwerer hinwerden”, soll Johanns Credo gewesen sein. Tatsächlich war Breitwieser in seiner Zeit als berühmter Einbrecher immer bewaffnet, auch in den eigenen vier Wänden, und selbst im eigenen Garten trug er einen Revolver der Marke Browning in der Tasche, wie sich auch an jenem Tag im April 1919 zeigen sollte. 2

Die Geschichte des ebenso berüchtigten wie beliebten Einbrechers, der hunderttausende Kronen aus ministerialen Kassen geraubt hatte, begann im Arbeiterbezirk Meidling, einer der ärmsten Vorstädte des kaiserlichen Wiens. Folgt man der über weite Strecken romanesk gehaltenen Biographie jenes hochbegabten Unruhestifters, so hätte sich der “kleine Schani” seine von Schmutz und Armut geprägte kindliche Lebenswelt mit fünfzehn weiteren Geschwistern teilen müssen. Verbürgt sind wohl nur sieben Geschwister, wobei auch seine Brüder Franz und Carl später mit dem Gesetz in Konflikt kommen sollten.

Breitwieser Villa
Breitwieser Villa in St. Andrä- Wördern ©ÖNB

Johann galt als aufgewecktes, intelligentes Kind, das schon früh durch allerlei Kunststücke, Arbeiten und - etwas später - Diebstähle das Einkommen der Familie aufzubessern suchte. Bekannt sollten seine kindlichen Ausflüge nächtens in das Schloss Schönbrunn werden, welche er immer dann unternahm, wenn Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl weilte und der weitläufige Gebäudekomplex weit weniger streng bewacht wurde. Beschrieben werden Expeditionen des kleinen Johann auf den Dachboden des Schlosses, aber auch in einige der Prunkräume, deren exquisite Ausstattung überaus großen Eindruck auf das Kind ausübte. Realistischer als unbemerkte Einbrüche in das Schloss Schönbrunn erscheinen Johanns nächtliche Besuche im Schönbrunner Zoo, indem er sich abends einsperren ließ, um stundenlang die Tiere in ihren Gehegen beobachten zu können.

Die beißende Armut zwang Familie Breitwieser immer wieder zu Umzügen, extremer Sparsamkeit und Entbehrungen, die den Charakter des Jungen nachhaltig prägen sollten. Gut dokumentiert ist beispielsweise das Auftragen alter Hosen durch die jüngeren Geschwister, wodurch die Kinder stets gezwungen waren, stark verschmutzte und überaus schlecht sitzende Kleidung zu tragen. Gewaschen wurde nur samstags, der Begriff "Lumpen Bub", wie man die Gassenkinder Wiens gerne nannte, traf ohne Zweifel auch auf Breitwieser zu.4

Obwohl Johann keinerlei höhere Schulausbildung zugestanden wurde, zeigte er schon früh Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Themengebieten sowie handwerkliche Fähigkeiten. In dem Unvermögen, diese Begabungen im Zuge einer Berufsausbildung gewinnbringend einzusetzen, wird ein weiterer Wesenszug Breitwiesers deutlich, den er später selbst beklagen sollte. Geduld und Ausdauer, ein Handwerk zu erlernen und einen entsprechenden Abschluss zu machen, fehlten dem Jungen weitestgehend. Auch an technischen Innovationen seiner Zeit fand er Gefallen, die sich entwickelnde Automobilindustrie jener Jahre faszinierte ihn, die Mitarbeit in einer Werkstätte hingegen gelang nur durch das Fälschen entsprechender Papiere und sollte nicht von Dauer sein. Letztlich blieb Breitwieser Autodidakt, eignete sich unterschiedlichste handwerkliche Fähigkeiten im Eigenstudium an, oder durch kurzzeitige Anstellungen und Lehrstellen. Nach der Festnahme des “Ein- und Ausbrecherkönigs von Wien” staunten die das Areal durchsuchenden Sicherheitskräfte nicht schlecht über ein voll eingerichtetes, technisches Labor im Keller des Anwesens, ausgestattet mit einer Vielzahl an Werkzeugen, Safes, technischer sowie naturwissenschaftlicher Fachlektüre und einem Schweißapparat, sowie dazu passender Sauerstoffflaschen. Nicht zuletzt dieser Fund trug zum Image Breitwiesers als intelligenten, versierten Meister seines Faches bei. 5

Unrichtig allerdings ist die zuweilen aufgestellte Behauptung, dass Johann Breitwieser die erste 

Polizeiinspektor Schödl mit "Ferro"
Polizeiinspektor Schödl mit Hund "Ferro" © ÖNB

Einbrecherbande von Wien gegründet hätte, auch wenn Arbeitsweise und vor allem spektakuläre Coups ihn tatsächlich von anderen Kriminellen jener Tage unterschied. Organisierte Banden sind im Wien des 19. Jahrhunderts schon deutlich früher nachweisbar. Häufig beschränkten sich diese Gruppen allerdings auf Straßenraub, Schutzgelderpressung, Prostitution oder wandten schlicht extreme Gewalt an, während Breitwieser nicht selten eine gewisse Eleganz bei seinen Unternehmungen attestierte wurde. Trotzdem muss der Aussage seines Biographen Hermann Kraszna, Johann hätte niemals Gewalt eingesetzt, deutlich widersprochen werden. Bei diversen Versuchen, dem Meisterdieb habhaft zu werden, kam es bei sogenannten "Revolver Kämpfen” immer wieder zu Toten und Verletzten. Teilweise wurden derartige Feuergefechte auf offener Straße ausgetragen, zum Teil auch in Wirtsstuben und Gasthäusern. Besonders in den Jahren 1917 bis 1919 wuchs die Gewalt stetig an, wobei Entbehrung und allgemeine gesellschaftliche Verrohung in den Tagen des Ersten Weltkriegs ihre Rolle spielten. Mit den Einbrüchen ins Kriegsministerium und in die Munitionsfabrik Hirtenberg gelangen Johann Breitwieser und seiner Bande aufsehenerregende Coups, die weit über die Möglichkeiten anderer krimineller Organisationen hinausgingen. Neben der exorbitant hohen Beute (im Fall Hirtenberger erbeutete man rund eine halbe Million Kronen) dürfte vor allem auch die Auswahl der Ziele zu seiner Popularität beigetragen haben. In Zeiten kriegsbedingter Not und höchst unpopulärer politischer Entscheidungen schwang in dem erfolgreichen Angriff auf das Kriegsministerium und die nach wie vor Gewinne schreibende Munitionsfabrik Hirtenberg ein gewisses Maß an bürgerlicher Befriedigung mit. Zudem entzog sich Johann diversen Versuchen der Verhaftung höchst erfolgreich und brach aus dem Gefängnis ebenso erfolgreich aus wie in diverse Palais ein. Sein Image als “Robin Hood von Wien” hingegen bleibt schwammig. Wie viel Geld er in den Armenvierteln Meidlings tatsächlich verteilen ließ ist unbekannt und so manche Erzählung, die Johann Breitwieser als mildtätigen und weichherzigen Freund der Armen auszuweisen versucht, muss unbewiesen bleiben. Auch das Begräbnis dieses Mannes auf dem Meidlinger Friedhof ist von kontroversen Darstellungen geprägt. Von zwanzigtausend Anwesenden berichten die einen, von hunderttausend die anderen. Gerne wird erzählt, dass hinter Johanns Sarg mehr Personen her gingen als hinter dem Kaiser Franz Josephs im Jahre 1916. 

Eine weitere Legende berichtet davon, dass nach dem Begräbnis Breitwiesers eine Woche lang keine Einbrüche in Wien verübt wurden - aus Respekt gegenüber dem großen Meisterdieb. Und wenn man den Erzählungen trauen darf, dann verewigten sich im Laufe der Jahre viele seiner Kollegen an Breitwiesers Grabstein in Form von Grüßen, kleinen Gedichten usw. Nachweisbar ist auch das heute nicht mehr, der Grabstein wurde längst erneuert und trägt einen anderen Namen. Und doch - wenn man etwas genauer hinsieht, dann entdeckt man im unteren Bereich des Steines den Namen des kriminellen Multitalents, dessen sterbliche Überreste auch immer noch dort gebettet sind, zusammen mit denen seiner Eltern. An manchen Tagen liegt an dieser Stelle auch ein Strauß Blumen.

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    Egon Erwin KIsch, Der Rasende Reporter, Verlag Saga Edmont, 2020.

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