Erzherzogin Marie Valerie- Kaiserin Elisabeths Lieblingskind

Erzherzogin Marie Valerie, die jüngste Tochter von Kaiserin Elisabeth, galt als ihr „Lieblingskind“ – und hinterließ mit ihren Tagebüchern eine der wichtigsten Quellen über das Leben am Wiener Hof. Diese Folge begleitet sie von ihren frühen Jahren zwischen Hofzeremoniell und ersten gesellschaftlichen Erfahrungen bis zu den prägenden Einschnitten ihres Lebens. Ihre Aufzeichnungen geben Einblick in familiäre Spannungen, ihr Verhältnis zu Kronprinz Rudolf und ihre kritische Sicht auf Kronprinzessin Stephanie, ebenso wie in die Erschütterungen durch Mayerling und den Tod ihrer Mutter. Eine Episode über das Aufwachsen im Zentrum der Macht, über Nähe und Distanz innerhalb der kaiserlichen Familie und über eine Stimme, die ihre Zeit bis heute greifbar macht.
Marie Valerie
Marie Valerie 1912 © ÖNB

Das Tagebuch Erzherzogin Marie Valeries, der letzten Tochter Kaiserin Elisabeths, gilt bis heute als eine der wichtigsten und bekanntesten Quellen bei dem Versuch, sich dem Leben der berühmten österreichischen Monarchin anzunähern. Marie Valerie, geboren am 22 April 1868, genoss eine Sonderstellung unter den kaiserlichen Kindern, pflegte ein Nahverhältnis zu ihrer Mutter, durchlief aber selbst im Zuge ihres Heranwachsens einen Entwicklungsprozess, der sich im Verhältnis zu ihren Eltern spiegelte. Vom Kindertagebuch, in welchem naive Schwärmereien für Prinz Eugen ebenso wie für ihren Geschichtelehrer erlebbar werden, bis hin zu den tragischen Vorfällen rund um Mayerling im Jahre 1889 und dem gewaltsamen Tod der Mutter 1998 beschreibt Erzherzogin Marie Valerie ihr Leben als Kaisertochter am Wiener Hof.  

Ala Marie Valerie die Einladungen zu ihrem ersten Ball – ein Adolescentenball- im Jahre 1882 verteilen lässt, ist die Aufregung groß. Floskeln werden eingeübt, Umgangsformen perfektioniert, der gesellschaftliche Umgang in diesen höchsten Kreisen perfektioniert. Die kaiserliche Mutter inspiziert die Garderobe, über den zu tragenden Schmuck wird gesprochen, schließlich kommt noch Kaiserin Elisabeths berühmte Friseuse, Fanny Feifalik, um das ihrige zu tun.  

Wenige Tage später beschreibt Marie Valerie eine Kindergesellschaft, in der er ausgelassen zugeht. Man spielt Blinde Kuh und Verstecken. Im Zuge dieser Spiele geht das Bett Maria Theresias zu Bruch. Es ist tatsächlich eingebrochen. Allerdings wird nichts über die möglichen Konsequenzen berichtet. Um 17.30 aber war große Jause an jenem Tag, dann „tanzte man umher“ und um 19.30 ging es ins Burgtheater, wo man eine Viertelstunde verweilen durfte.  

Das Leben Marie Valeries ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein bewegtes, denn sie reist viel. Teilweise mit ihrer Mutter, aber auch mit der gesamten Familie ist sie unterwegs und lernt rasch andere, wichtige Mitglieder der weit verzweigten Familie kennen.  

Wenig Freude findet das heranwachsende Mädchen an der Ehefrau ihres Bruders Rudolf, Kronprinzessin Stephanie von Belgien. Obwohl es Passagen gibt, in welchen sie dem neuen Familienmitglied relativ neutral gegenübersteht, zeigt sich mit zunehmendem Alter eine negative Attitüde im Umgang mit Stephanie, zumindest in einigen dieser Beschreibungen wird der Einfluss Kaiserin Elisabeths auf ihre Tochter durchaus spürbar. Dabei kritisiert Marie Valerie nicht nur Stephanies Umgang mit ihrem Bruder, sondern arbeitet sich auch an dem, ihrer Meinung nach unvorteilhaften Äußeren der Kronprinzessin ab. Besonders der tragische Tod Rudolfs wird das Verhältnis Stephanies zu Kaiserin Elisabeth und Marie Valerie nachhaltig stören. Es sind nicht nur Vorwürfe in Bezug auf Stephanies Umgang mit Rudolf, auch ihr Verhalten in der Trauerzeit wird vielfach als unpassend, emotionslos, desinteressiert und kalt wahrgenommen.  

Neben der Mayerling Problematik wird auch der Tod Kaiserin Elisabeths als schwere, persönliche Krise in Marie Valeries Tagebuch thematisiert. Dabei finden sich einige Schilderungen, welche heute als basale Elemente Einzug in die Literatur rund um Kaiserin Elisabeth gefunden haben. 

Das private Leben, ihre Ehe mit Erzherzog Franz Salvator, die Beziehung ihres Mannes zum 

Marie Valerie und Franz
Marie Valerie und Franz Salvator 1917 © ÖNB

Rest der Familie, Sympathien und Antipathien bilden einen weiteren Block in dem Tagebuch. Erzherzog Franz Salvator erscheint weder von Kaiser Franz Joseph noch von dessen Sohn, Kronprinz Rudolf als idealer Heiratskandidat angesehen worden zu sein. In den Schilderungen Marie Valeries wirkt er zurückhaltend, etwas scheu und farblos. Sie betrachtete die Verlobung zum Weihnachtsfest im Jahre 1888 allerdings als einen der glücklichsten Momente ihrer Familie. Auch Kronprinz Rudolf, dem sie eine sarkastische Note zuwies, zeigte sich an jenem Abend zuvorkommend und freundlich. Noch konnte sie nicht ahnen, dass schon wenige Wochen danach durch den Selbstmord des großen Bruders eine der größten Krisen der Monarchie ausgelöst werden sollte.  

Marie Valeries privates Glück sollte ebenfalls nicht von Dauer sein. Trotz der Idylle in Wallsee und einer stetig wachsenden Familie legten sich Schatten über ihre Beziehung zu Franz Salvator. Im Jahre 1914 brachte Stephanie Richter, mit der Franz Salvator eine außereheliche Beziehung eingegangen war, einen Sohn zu Welt, welcher auf den Namen Franz Joseph Rudolf getauft wurde.  Obwohl Richter die Ehe mit einem anderen Mann einging, erkannte Erzherzog Franz Salvator die Vaterschaft an. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Monarchie verblieb Marie Valerie mit ihrer Familie in Österreich. Sie betätigte sich zu großen Teilen karitativ, engagierte sich in der Armenfürsorge und lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1924  weitgehend zurückgezogen.1  

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    Martha und Horst Schad, Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth 1878-1899, Piper, 2005.