Ein kaiserlicher Greißler in Kaisermühlen - Die bewegte Geschichte von Erzherzog Leopold Ferdinand

Ein Erzherzog als Fremdenführer, Würstelverkäufer und Gemischtwarenhändler? Kaum vorstellbar. Und doch finden wir in der Person Leopold Wölflings, ehemals Erzherzog Leopold Ferdinands, genau diese Professionen. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie waren viele Mitglieder der ehemaligen Hocharistokratie gezwungen sich auch beruflich neu zu orientieren. Wölflings Leben mag ein besonders leuchtendes Beispiel für die politischen und sozialen Veränderung jener Zeit darstellen. Aber auch zu Lebzeiten Kaiser Franz Josephs glänzte Erzherzog Leopold Ferdinand bereits durch allerlei Skandale und Eigenmächtigkeiten, die den Zorn Habsburgs schürten. Als der umtriebige Erzherzog schließlich auch noch durchzusetzen gedachte eine Gelegenheitsprostituierte zu ehelichen, platzte Kaiser Franz Joseph endgültig der Kragen. Höre/lest hier die Geschichte des vielleicht eigenwilligsten Vertreters der Habsburger, eines Aussteigers aus dem Kaiserhaus, der noch lange Jahre nach dem Ende der Monarchie von sich reden machte.
Greißlerei von Leopold Wölfling
Die 'kaiserliche' Greißlerei Leopold Wölflings ©ÖNB

So wirklich glauben mochte es zunächst wohl niemand, doch das Gerücht hielt sich hartnäckig. Ein waschechter Erzherzog, der Knackwürste, Salzgurken und Semmeln verkauft? 
Das Schicksal hatte nicht wenige Mitglieder der ehemaligen Hocharistokratie in den Jahren nach dem Zusammenbruch vor sich hergetrieben, gängige Strategien des Überlebens äußerten sich in Versuchen der Schauspielerei, im Publizieren von Memoiren, oder überhaupt gleich im Auswandern.
Aber eine Greißlerei? 

Die Kaisermühlner näherten sich der Sache mit einer gewissen Vorsicht, man ging in der Schiffmühlenstraße 58 einkaufen, und beobachtete den freundlichen, alten Herren, wie er durchaus mit Geschick die Dürre aufschnitt, oder die Erdäpfel abwog. So wirklich fragen aber traute man sich nicht. 

Als offizielle Besitzerin des kleinen Ladens  fungierte Luisa Böhm, die Adoptivtochter des geheimnisvollen Herrn Leopold, deren Name auch auf dem breiten Schild über dem Geschäftseingang zu sehen war.  "Spezerei und Delikatessen", stand da in großen Lettern, und überhaupt wirkte das Geschäft mit seiner großen, hellen Auslage und dem vergitterten Dreieck über dem Eingang überaus modern. Kaiserlich königliche Nostalgie suchte man im Dunstkreis des ehemaligen Erzherzogs jedenfalls vergeblich. 
“Es geht ganz gut”, offenbarte Leopold Wölfling noch im Herbst 1926, als eine große Wiener Tageszeitung um ein Interview ansuchte.1

“Bis jetzt haben´s nicht gewußt wer wir sind, aber in letzter Zeit muss es sich herumgesprochen haben, und jeden Augenblick kommt einer herein, schaut sich neugierig um, und wenn wir ihn fragen, was er will, wird er ganz verlegen, und verlangt stotternd fünf Deka Käse oder eine Sardine. Die Leut sind halt manchmal komisch.”

Im Jahr 1929, als Leopold Wölfling selbst wieder in Zürich weilte - für Filmaufnahmen, wie er ausrichten ließ - standen Adoptivtochter und Schwiegersohn in Wien wegen Veruntreuung und fahrlässiger Krida bereits vor Gericht. Die Greißlerei hatte es  tatsächlich nur wenige Jahre gegeben, unbezahlte Rechnungen und grantige Lieferanten waren von Beginn an Teil des Böhmschen Geschäftsmodells gewesen. Mit einer gewissen Verwunderung stellte der Richter fest, dass Familie Böhm kein einziges Wirtschaftsbuch geführt hatte, und der Laden überhaupt ohne die nötigen finanziellen Mittel eröffnet worden sei. Johann Böhm, der drei Jahre zuvor mit einem Stand am Naschmarkt bereits Schiffbruch erlitten hatte, schob die unglückliche Kalkulation auf den Schwiegervater. Außerdem, so versicherte der Angeklagte, habe es Bürgen gegeben. Sogar Prinz Alfons von Bayern hätte neben Mitgliedern des Hauses Habsburg seine Unterstützung zugesagt. 

Auf die Frage des Richters, wie das Geschäft denn gegangen sei, antwortete der Angeklagte etwas zerknirscht: "Zu Beginn sehr gut. Alle haben sich für den Erzherzog und seinen Schwiegersohn interessiert, aber bezahlt is nix worden. Ich musste alles auf Kredit geben. Da hilft a bayerischer Prinz a net." 

Vor allem aber die Tatsache, dass Johann Böhm sein insolventes Geschäft in einer Nacht- und Nebelaktion verkaufte, den Erlös einbehielt und die Lieferanten so auf ihren Kosten sitzen blieben, sorgte für Aufregung. Ein Ausgleichsverfahren hatte er hinausgezögert, und die finanzielle Unterstützung aus erzherzöglichen Händen blieb aus. Was hingegen Bestand hatte, war ein Berg von Schulden, und ein weiterer Skandal rund um den ehemaligen Erzherzog. Denn mit Gerichten, Gerüchten und der Presse hatte der umtriebige Habsburger Erfahrung. 

Schon an der Seite Franz Ferdinands, der später in Sarajevo sein gewaltsames Ende finden sollte, hatte Leopold Ferdinand sein Talent, andere Familienmitglieder zur Weißglut zu treiben, bereits eindrucksvoll bewiesen. Gegenseitige Provokationen und Sticheleien mündeten während einer Weltreise auf der SMS Kaiserin Elisabeth in offenen Streit. Leopold Ferdinand musste die Reise auf Wunsch des Kaisers abbrechen und stante pede zurück nach Wien kehren, wo er sich für die Aussage, Franz Ferdinand sei bestenfalls ein Möchtegern-Kaiser, zu verantworten hatte. Ein kaiserlich-königlicher Rüffel war ihm sicher. 

Wilhelmine Adamovics
Wilhelmine Adamovics ©ÖNB

Erzherzog Leopold Ferdinand sollte sich ebenfalls zu einem regelrechten Spezialisten auf dem Gebiet unglücklicher Liebesbeziehungen entwickeln, und Kaiser Franz Joseph mit seiner Vorliebe für zwielichtige Damen den letzten Nerv rauben. Von besonderer Qualität zeigte  sich dabei das Verhältnis zu Wilhelmine Adamovics, die offiziell ebenfalls als Schauspielerin in die Gesellschaft eingeführt wurde, ihr Auskommen tatsächlich aber als Tabakhändlerin und Gelegenheitsprostituierte fand. Die wahrscheinlich größte Zäsur im turbulenten Leben Leopold Ferdinands spiegelt sich in eben dieser Ehe mit Adamovic, welche das Ausscheiden aus dem Kaiserhaus für den Erzherzog nach sich zog, und eine Umsiedlung des Paares in die Schweiz nötig machte.
Dass die Verbindung bereits vier Jahre später in Trümmern lag, und einen endlosen Scheidungskrieg nach sich zog, mag an der Verschiedenheit der Charaktere gelegen haben. Denn während Erzherzog Leopold Ferdinand, der mit bürgerlichem Namen nun Wölfling hieß, von einer akademischen Karriere träumte, und ruhigen Tagen in seiner Schweizer Villa entgegen sah, entwickelte sich Wilhelmine zu einer glühenden Anhängerin der sogenannten Lebensreformbewegung, deren Siedlung auf dem nahe gelegenen Monte Verita eine besonders strenge Auslegung der Lehre pflegte. Hatte sie ihren Gatten mehr schlecht als recht zum Vegetarismus bekehren können, sprengte der Verzicht auf Haar- und Körperpflege die Grenzen des Zumutbaren. Unschöne Szenen spielten sich ab, wenn Leopold versuchte, vor seinen Reisen nach Zürich Bart und Haupthaar zu stutzen. Fügte er sich den Vorgaben seiner Frau, erweckte er im Hörsaal aufgrund seiner äußeren Erscheinung regelmäßig Aufsehen.2

“Wie ein Wilder”, gaben Zeugen zu Protokoll, habe der ehemalige Erzherzog ausgesehen, “kaum, dass man ihn hätte wiedererkennen können”. 
Wie auch immer man das Eheleben im Hause Wölfling bewerten möchte, an dem Rosenkrieg, der eine Vielzahl von Klagen beinhaltete, nahm ganz Österreich Teil. 
Neben dem Streit um das Geld standen auch versuchte Erpressung und  Ehrenbeleidigung auf der Tagesordnung des Gerichts. Im Jahre 1908 schließlich wurde Frau Wölfling für einige Zeit nach Steinhof gebracht, da sie ihre Schwester mit einem Revolver bedroht hatte und Anstalten machte, auch sich selbst zu entleiben.3
“Leopold Wölfling, weltbekannt durch seine Weibergeschichten”, titelte die Arbeiter Zeitung 1909 hämisch, nachdem sich der Habsburger in das nächstes Eheabenteuer mit einer Prostituierten gestürzt hatte. Aber auch die Beziehung zu Maria Ritter, mit der er nach Paris zog, war nicht von Dauer.  

Ende März 1921 kam es im Berliner Kabarett “Die Rakete” zu einer kleinen Sensation. Der geschäftstüchtige Direktor des Etablissements hatte bereits im Vorfeld versichern lassen, dass es sich bei dem Sketch “Hoheit kehrt wieder” nicht um einen Aprilscherz handelte. Der ältere, grau melierte Herr mit dem Wiener Akzent, wie er singen und Walzer tanzen würde, in seinem strahlend weißen Admirals Rock mit den goldenen Tressen, war ein echter Erzherzog, ein ehemaliges Mitglied des Hauses Habsburg. 
Die Reste der in Österreich mittlerweile zertrümmerten aristokratischen Welt blickten mit einer Mischung aus Wut und Abscheu Richtung Berlin, denn die Aktionen Leopold Wölflings, vormals  Erzherzog Leopold Ferdinands, waren weithin bekannt. 

Nun war der Bühnen-Admiral bereit, das Publikum mit Tanzeinlagen zu erfreuen.
Kurz vor dem Auftritt gelang es einem Wiener Journalisten noch ein Interview mit dem angehenden Schauspieler zu machen, das an dieser Stelle in Auszügen wiedergegeben werden soll:

“Ah, auch Wiener”,  sagt Herr Wölfling sichtlich erfreut auf meine Vorstellung. 
“Gestatten Sie mir bitte eine Frage”,  beginne ich: “Warum machen Sie das eigentlich?”
“Ja, wissen’ S, ich krieg als pensionierter Admiral eine monatliche Rente von 3000 Kronen, das sind 210 Mark. Glauben ‘S, dass man davon leben kann? Vermögen hab ich keins - bis jetzt hab ich mich mit der Schriftstellerei durchbracht, aber es geht einfach net weiter.”
“Was wird denn Ihre Familie dazu sagen?”
“Meine Familie? Die hat bestimmt andere Sorgen. Schenken tut mir keiner was - ich ließ mir auch nix schenken. Und schließlich begeh ich ja nix unehrenhaftes. Schon als junger Mann war meine größte Sehnsucht das Theaterspielen. Heut kann es mir keiner mehr verbieten. Ich weiß, viele werden die Händ’ überm Kopf zammschlagen, viele werden sich über die bodenlose Schamlosigkeit die Münder zerreißen. Aber ist es denn wirklich ein so schreckliches Verbrechen, wenn ich einmal aus meinem angeblich blauen Blut einen Vorteil ziehen möchte? Net amal Stallmeister kann ich werden, wie andere erwerbslose Standesgenossen - ich versteh zu wenig von Pferden - bitt’ Sie, wenn man “auf Admiral” gelernt hat….?! “4

Der Erfolg des Sketches war mäßig. Zwar strömten die Leute in Scharen in die “Rakete” um den Schauspieler-Erzherzog bewundern zu können, die Kritiken allerdings fielen verhalten aus. Als hölzern und wenig talentiert wurde Leopold beschrieben, das ganze Stück, einzig auf den Habsburger zugeschnitten, blieb hinter den Erwartungen zurück. Letztlich hatte Leopold Ferdinand kaum mehr auf der Bühne zu tun, als einen Walzer zu tanzen und ein Wienerlied zu singen.5
Leopold Ferdinands Schauspielkarriere letztlich war von kurzer Dauer und reihte sich ein in einen wahren Reigen gescheiterter Versuche, in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Kaiserhauses, finanziell erfolgreich zu sein.

Besonders die schriftstellerischen Ambitionen des Habsburgers erscheinen erwähnenswert, trugen sie doch - gewollt oder nicht - stets eine politische Färbung, die zu Problemen führte. Erst drei Jahre lag der Zusammenbruch des österreichischen Kaiserreichs zurück, als Wölfling trotz Drohungen, Bestechungsversuchen und Warnungen das Podium betrat, um aus seinem Werk "Habsburger unter sich" zu lesen. Das Resultat war eine Massenschlägerei auf dem Areal des Eislaufvereins, in welcher Monarchisten und Kaisertreue gegen den Rest des Publikums antraten. Dass der ehemalige Erzherzog nur einige harmlose Episoden aus seiner Kindheit zum besten gab, ging in der Aufregung vollkommen unter. Genüsslich jedenfalls breiteten die Zeitungen den Umstand aus, dass neben Schauspielern, und einigen anderen bekannten Gesichtern der Gesellschaft, auch Mitglieder der ehemaligen Hocharistokratie anwesend waren, und von allen Seiten "ordentlich Watschen ausgeteilt wurden".6

Die finanzielle Situation jedenfalls blieb prekär. In den letzten Jahren wandte sich Leopold Wölfling dem Nationalsozialismus zu und wurde begeisterter Anhänger der neuen Bewegung. Aber auch dieses Engagement verbesserte seine Lage nicht. Der ehemalige Erzherzog starb 1935 verarmt und vergessen mit 66 Jahren in Berlin.
 

  • 1Illustrierte Kronen Zeitung 30. Oktober 1926.
  • 2Neues Wiener Tagblatt, 12. Mai 1903.
  • 3Illustrierte Kronen Zeitung, 23. September 1913.
  • 4Illustrierte Kronen Zeitung, 3. April 1921.
  • 5Illustrierte Kronen Zeitung, 3. April 1921.
  • 6Illustrierte Kronen Zeitung, 15. Juli 1921.