
Bertha Diener kam aus gutem Hause. Durch die Entwicklung eines Metallgussverfahrens, das in der baufreudigen Gründerzeit durchaus seine Abnehmer fand, war der Familie der soziale Aufstieg geglückt. Man wohnte mondän im dritten Bezirk, unternahm beinahe täglich Ausfahrten mit der eigenen Equipage, ließ sich bewundern und musterte die Attribute des Wohlstands bei der Nachbarschaft, um diese mit den eigenen ängstlich zu vergleichen.
“Mit süß-schiefem Gesicht”, sollte Bertha in späteren Jahren schreiben, “blickte die Mutter während der Fahrt aus der Kutsche, ein Gesicht, das sie zuhause niemals aufsetzte.”
Auch die beiden älteren Brüder, Carl jun. und Hugo, schienen Garanten für die Erhaltung des Wohlstandes zu sein. Während Carl nach ausgedehnten Reisen in verschiedenste Regionen der Welt eine glänzende Karriere als Geologe hinlegte, etablierte sich der jüngere Bruder Hugo als zukünftiger Chef des familieneigenen Unternehmens. Nur Bertha, das Nesthäkchen, schien sich mit ihrer Rolle nicht ohne weiteres abfinden zu können. Zunehmend reifte in dem phantasiebegabten Kind die Überzeugung, dass ihr als höhere Tochter automatisch niedrigere Bildung zugedacht war. Was den Brüdern offen stand, blieb ihr verwehrt. Selbstredend.
Es war Berthas Körper, der den Protest zuallererst nach außen trug. Unter allen Umständen wollte sie sich von dem zweiten weiblichen Wesen im Hause Diener, der Mutter, unterscheiden. Hart ging sie mit ihr ins Gericht. Fett als verunstaltendes Element der eigenen Figur, betrachtete sie geradezu als Sünde, Die auf Haushalt und Kindererziehung reduzierte Rolle der Frau verachtet Bertha. Wir kennen die Gedankenwelt Marie Dieners nicht, dass ihre Tochter andere Ambitionen entwickelte, dürfte der Mutter jedoch bald klar geworden sein. Diverse Zerwürfnisse legen dies nahe. 1
Ein Ausweg aus dieser konservativ-bürgerlichen Welt mit all ihren Konventionen und Restriktionen schien sich für die der Volljährigkeit nähernden Bertha durch Heirat zu ergeben. Nicht zuletzt durch den Freundeskreis der älteren Brüder Berthas gingen im Hause Diener junge Männer aus und ein, deren Lebensart, Bildungsniveau und Ambitionen anziehend auf die heranwachsende Frau wirken mussten. Besonders Friedrich Eckstein, der als vielfältig interessiert, eloquent und erfolgreich galt, hatte es Bertha angetan. “Mac Eck”, wie man Eckstein im Freundeskreis scherzhaft nannte, reduzierte sein Dasein nicht auf die Leitung des väterlichen Unternehmens, oder den Abschluss seines Chemiestudiums, sondern beschäftigte sich darüber hinaus auch mit Mathematik, Musik, Literatur, Philosophie und Esoterik.
Dem rasanten wissenschaftlichen Fortschritt jener Jahre entsprechend diskutierte man grundsätzliche Fragestellungen der Existenz in Form theosophischer Ansätze, stellte den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand religiösen und okkulten Vorstellungen gegenüber und suchte beides zu verbinden. Bertha Diener war fasziniert von dieser vielschichtigen, intellektuellen Welt, fernab ihrer bürgerlich-grauen Herkunft, ließ sich von Fritz Eckstein fördern und leiten - und verliebte sich in ihn. Die Ehe verlief harmonisch, bald entwickelte sich der gemeinsame Haushalt zu einem Dreh- und Angelpunkt intellektuellen Schaffens, Gäste wie Sigmund Freud, Peter Altenberg oder Adolf Loos bereicherten den nun gegründeten Salon. Es ist anzunehmen, dass Bertha in jenen Jahren auch mit dem Themenkreis der Frauenrechte, des Matriarchats etc. in Berührung kam, jene Gebiete also, in welchen sie später als Schriftstellerin ihre größten Erfolge feiern konnte.
Als emotional überaus belastend sollte sich hingegen Berthas Verbindung zu Dr. Theodor Beer erweisen, seines Zeichens Mediziner und gefeierter Sinnesphysiologe, dessen brillantes Renommee als Wissenschaftler einem Ruf als rücksichtslosen Egozentriker gegenüberstand.
Auch Bertha Eckstein-Diener war von Beers blendender Erscheinung, seinem selbstbewussten Auftreten und seinem beruflichen Erfolg beeindruckt, hielt dem intensiven Werben Beers allerdings stand, aus Angst ihre Familie zu zerstören. Erst in späteren Jahren ging Bertha mit Theodor Beer eine Beziehung ein, die jedoch nicht von Harmonie und Glück gezeichnet sein sollte.
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts entspann sich um Dr. Theodor Beer zudem eine skandalöse Affäre, die letztlich sein berufliches wie privates Leben weitgehend zerstören sollte. Beer wurde des sexuellen Missbrauchs an zwei Kindern befreundeter Familien bezichtigt, zudem der Herstellung pornographischen Bildmaterials. Angeheizt durch Beers Flucht in die USA, Handgreiflichkeiten zwischen Beers Frau und einem der Kläger, sowie dem Selbstmord der Ehefrau nach Verkündigung des Urteils von drei Monaten Gefängnis, geriet der tiefe Fall des einstigen Starmediziners zu einem der medial nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachteten größten Skandale jener Jahre in Wien. Da Theodor Beer zudem jüdische Wurzeln hatte, mischten sich zunehmend antisemitische Töne in die Berichterstattung.
Bertha betrachtete all dies aus der Ferne. Sie pflegte ihr schriftstellerisches Talent, begann unter dem Pseudonym Sir Galahad zu publizieren, arbeitete als Reporterin, reiste im Zuge ihrer Recherchen durch große Teile Europas und emanzipierte sich vom intellektuellen Kreis ihres Mannes. Nach dem Tod ihrer Eltern und der Entfremdung zu ihrem Ehemann entschied sich Bertha für eine Beziehung mit Theodor Beer, der sich in Montreux in seine Villa zurückgezogen hatte.
Die Beziehung gestaltete sich als äußerst schwierig und kapriziös, da Beer, früheren Versprechen zum Trotz, keine ernsthaften Heiratsabsichten hegte, jedoch das alleinige Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Roger einforderte. Für Bertha bedeutete diese wilde Ehe eine ernsthafte Gefährdung ihrer Reputation. Darüber hinaus gefährdete ihre private Situation das Besuchsrecht bezüglich ihres Erstgeborenen Sohnes Percy, dessen Vater, Friedrich Eckstein, die Trennung nur schwer verkraftet hatte. Um die Rechte an ihren beiden Söhnen wahren zu können, hatte Bertha verschiedenste Vorkehrungen zu treffen, die teils den Charakter eines Versteckspiels annahmen. Das Verhältnis Berthas zu Theodor blieb ein eigenwilliges, sie begann schon bald wieder zu reisen und verwob einen Teil ihres privaten Lebens mit den Handlungssträngen in ihren Büchern. Besonders das Werk “Die Kegelschnitte Gottes” tragen in diesem Zusammenhang autobiographische Züge.
Neben historischen Werken und Biografien blieb Bertha Eckstein-Diener vor allem wegen Arbeiten wie “Mütter und Amazonen. Ein Umriss weiblicher Reiche” einem interessierten Fachpublikum zum Thema Feminismus und Matriarchat in Erinnerung. Das Buch ist als einer der frühesten Beiträge zum Themenkreis der weiblichen Kulturgeschichte zu werten.
Trotz Unterbrechungen, die zu guten Teilen zwei Weltkriegen geschuldet waren, gelang es Bertha Eckstein-Diener mit beiden Söhnen in Kontakt zu bleiben. Sie überlebte Eckstein und Beer, verarmte trotz literarischer Erfolge jedoch zusehends. Besonders die letzten Lebensjahre waren von körperlichen Leiden und Entbehrungen gezeichnet. Umfangreiche Reisetätigkeiten schienen durch politische Beschränkungen kaum noch möglich. Sie vereinsamte. Bertha starb am 20. Februar 1948 allein und in ärmlichen Verhältnissen in Genf. Ihr literarisches Vermächtnis geriet schon bald in Vergessenheit, der Name Bertha Eckstein-Diener fand in Werken über die Wiener Moderne und in feministischer Literatur mittlerweile jedoch seinen Platz.2